Christian Zimmermann ist Fotograf und hält regelmäßig Vorträge über seine Reisen. Das allein klingt kaum ungewöhnlich. Bedenkt man nun aber, dass Christian zu Fuß mit einem Einkaufswagen um die Welt reist, wird es schon interessanter.

2015 durchquerte Christian bereits mit „Miss Molly“, wie er seinen Wagen liebevoll nennt, Australien. Vor kurzem machte er sich dann auf den Weg nach Moskau. Was er dabei so alles erlebt und wie eine Reise mit dem Einkaufswagen funktioniert, erfahrt ihr weiter unten im Interview

Damit geht unsere Interview-Reihe in der Kategorie „Stories“ weiter und wir freuen uns über die nächste interessante und tolle Persönlichkeit aus unserer Community. Freut euch auf weitere spannende Geschichten!

  • Name: Christian Zimmermann
  • Geboren: 07.07.1968
  • Wohnhaft: In Flumenthal in der schönen Schweiz
  • Aktuell auf Reisen: Gerade nicht, aber die nächste Tour lässt sicher nicht lang auf sich warten :-).
  • Reisefahrzeug aktuell: Einkaufswagen „Miss Molly the shopping trolley“
  • Weitere Reisefahrzeuge: Fahrrad, Kanu, diverse Fahrzeuge
  • Lieblingskontinent: Australien
  • Blog: www.global-av.ch

Ich rede immer mit Mrs. Molly. Sie ist eine sehr gute Zuhörerin und ich bin mir sicher, dass sie die kleinen Geheimnisse, die ich ihr anvertraue immer für sich behalten wird.

Du bist mit einem Einkaufswagen zu Fuß unterwegs. Eine Kombination, die man nicht alle Tage sieht. Wie bist du auf die Idee gekommen und wie fing alles an?

Gemeinsam mit meinem Bruder Andreas produziere ich seit 25 Jahren Multivision-Shows, mit denen wir im Winterhalbjahr in der Schweiz auf Tournee gehen. 2015 hatte ich das Bedürfnis, wieder einmal etwas Abenteuerliches zu erleben und auch mal wieder meine Komfortzone zu verlassen. Australien war als Destination gesetzt, weil meine letzte Reise auf den Roten Kontinent schon 17 Jahre zurücklag. Ich hatte Down Under schon mit einem PKW, einem Allradfahrzeug und mit dem Fahrrad bereist und so blieb mir fast nichts anderes übrig, als auf meinem nächsten Trip etwas zu Fuss zu machen. Ich gab mir vier Monate Zeit. Ich traute mir zu, circa dreissig Kilometer am Tag zu marschieren. Viel länger als 3000 Kilometer sollte also die Strecke durch Australien nicht sein. Bei meiner Recherche stiess ich schnell auf den berühmten Stuart Highway. Diese Strasse verbindet Darwin im Norden mit Port Augusta respektive Adelaide im Süden.

Wie haben deine Familie und deine Freunde reagiert, als du das erste Mal losgezogen bist?

Niemand hat mir zuerst geglaubt, dass ich dieses Ding durchziehe. Sie meinten zuerst ich mache Witze. «Das ist doch viel zu weit, zu gefährlich, zu anstrengend und dann sind da noch die giftigen Tiere und die riesigen Roadtrains…», waren die ersten Reaktionen. Ich glaube erst als ich im Flugzeug Richtung Down Under sass, realisierten meine Freunde, dass ich es ernst meinte.

Deinen Einkaufswagen nennst du liebevoll „Mrs. Molly“. Wie kam es zu diesem Namen?

Nach drei Wochen Fussmarsch durch Australien wurde ich im Städtchen Katherine von der berühmten «School of the Air» zu einer Schulstunde eingeladen. Diese Schule unterrichtet Kinder übers Internet, die auf abgelegenen Farmen auf dem Land leben. Während der Stunde erzählte ich den Kindern, was ich bereits erlebt hatte und beantwortete viele Fragen. Am Ende der Lektion wollte ich von den Kids wissen, ob jemand eine Idee für einen Namen für meinen Einkaufswagen hat. Nach einer zehnminütigen Diskussion kam dann der geniale Vorschlag: «Mrs. Molly the shopping trolley». Irgendwie hatte ich geahnt, dass mein Einkaufswagen weiblich ist…

Wer schon mal einen kaputten Einkaufswagen durch den Laden geschoben hat, weiß wie nervig das sein kann. Wie hast du Mrs. Molly ausgestattet, damit du sie überall mit hinnehmen kannst? Gibt es Spezialumbauten?

Schon vor meiner Abreise nach Australien fand ich über sieben Ecken eine kleine Firma in Darwin, die unter anderem auch Einkaufswagen verkauft. So marschierte ich nach meiner Ankunft dorthin. Mike hatte seine Firma gerade verkauft und war nur noch ein paar Tage dort, um die neuen Besitzer einzuarbeiten. Das war mein Glück, denn er nahm sich sehr viel Zeit für mein Vorhaben.

Mir war von Anfang an klar, dass ich andere Rollen montieren muss. Die Exemplare, die ich aussuchte, passten aber hinten und vorne nicht an die Halterungen. Mike rief einen Freund an, der eine Firma für Schweissarbeiten betreibt. Eine halbe Stunde später tauchte Rod auf und so standen wir zu dritt um meinen Wagen und übertrafen uns mit Ideen, wie wir dieses Vehikel optimieren könnten. Rod nahm das Transportmittel meiner Wahl in seine Werkstatt, verbreiterte die Achsen und schweisste die robusten Rollen daran. Zusätzlich erhielt mein Wagen einen Deckel aus Metall, damit meine Ausrüstung ein wenig geschützt war. Zwei Tage später konnte ich mein Gefährt abholen. Als ich meine Brieftasche zücken wollte, schüttelte Mike nur den Kopf. «Eine so verrückte Idee unterstützen wir gerne und schenken dir den Einkaufswagen!» Und das beste an der Geschichte war, dass ich Mike und seine Partnerin vier Monate später an meinem Ziel in Adelaide wieder traf.

Wie reagieren die Leute, wenn sie dich mit Mrs. Molly unterwegs sehen?

Viele Leute können uns nicht einordnen. Beim ersten Blick denken sie ganz sicher einen Obdachlosen vor sich zu haben. Beim zweiten Blick fällt dann vielleicht die angebrachte Kamera auf und auch die aussen montierte Ausrüstung sieht nicht nach Penner aus. Und so werden wir regelmässig von interessierten Menschen angesprochen und es ergeben sich immer spannende Begegnungen. Die allermeisten Menschen starren uns aber nur neugierig und manchmal kopfschüttelnd an…

Wo warst du bisher mit Mrs. Molly unterwegs?

Der erste Trip führte uns in Australien über 3059 Kilometer von Darwin über Alice Springs bis nach Adelaide. Im 2019 startete ich dann vor meiner Haustüre in der Schweiz und wanderte 3400 Kilometer bis nach Moskau.

Moskau? Warum gerade diese Richtung?

Der Osten reizte mich schon lange und Moskau lag auch distanzmässig in meiner Reichweite. Die Route führte mich durch acht Länder: Schweiz, Deutschland, Österreich, Tschechien, Polen, Litauen, Lettland und Russland. Die Distanz betrug schlussendlich 3345 Kilometer und insgesamt absolvierte ich wohl gegen 30000 Höhenmeter.

 

Gab es Erlebnisse bisher, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Das sind immer die Begegnungen mit den Menschen unterwegs! In Deutschland zum Beispiel traf ich frühmorgens ein älteres Ehepaar bei ihrem Morgenspaziergang. Für fünfzehn Minuten teilten wir denselben Weg und unterhielten uns lebhaft. Bei der Verabschiedung sagte die Frau zu mir: „Jeden Donnerstag gehe ich mit einer Frauengemeinschaft für eine Stunde in die Kirche um zu beten. Heute weiss ich auf alle Fälle für wen ich beten werde, nämlich für Sie und dass Sie gesund und wohlbehalten in Moskau ankommen.“

Oder der Bauer in Lettland, der absolut kein Problem sah, dass ich ungefragt auf seinem Feld campierte. Im Gegenteil: Eine halbe Stunde nach unserem Treffen kehrte er mit einem Sack voller Esswaren zurück. Zehn Eier, ein halbes Kilogramm Käse, Brot, Tomaten und Gurken. Das war aber noch nicht alles. Er lud noch einen 10 Liter Kanister Wasser aus, damit ich mich Waschen konnte und zusätzlich überreichte er mir eine grosse Flasche mit 5 Litern Trinkwasser.

Hast du schon mal in brenzligen Situationen gesteckt auf deinen Reisen? Bist du mit Mrs. Molly schon mal stecken geblieben?

Auf meinen Wandertrips mit Mrs. Molly ist der Verkehr die grösste Gefahrenquelle. Ich versuche zwar immer auf möglichst wenig befahrenen Strassen und Pfaden unterwegs zu sein, aber zwischendurch lande ich unweigerlich im dichten Verkehr. In Australien musste ich höllisch auf die bis zu 50 Meter langen Roadtrains aufpassen. Und einmal hatte ich da eine ziemlich heftige verbale Auseinandersetzung mit einem wütenden Autofahrer, der meinte, dass ich und Molly auf der Strasse nichts zu suchen hätten.

Auf meinem Weg nach Moskau benutzte ich auch sehr viele unbefestigte Strassen. Vor allem in Polen blieb mein Einkaufswagen einige Male im Sand stecken. Glücklicherweise waren diese Abschnitte relativ kurz, bei denen ich Molly durch den zähen Brei reissen musste. Kurz vor Moskau musste ich für vier Kilometer die achtspurige M1 benutzen. Das war definitiv nichts für schwache Nerven und ich war so was von erleichtert, als ich die nächste Ausfahrt nehmen konnte!

Bist du immer allein unterwegs oder gibt es auch mal Begleitung?

Ich bin immer alleine unterwegs. Viele Leute fragen mich immer, ob ich mich nicht sehr einsam fühle und ob ich Selbstgespräche führe. Ich und Selbstgespräche? Natürlich nicht! Ich rede immer mit Mrs. Molly. Sie ist eine sehr gute Zuhörerin und ich bin mir sicher, dass sie die kleinen Geheimnisse, die ich ihr anvertraue immer für sich behalten wird. Und das Beste am Ganzen ist, dass sie mir nie, aber auch wirklich gar nie widerspricht.

Wie sind deine Pläne für die Zukunft? Mit Mrs. Molly über die Chinesische Mauer … ;-). Was hast du noch vor?

Ich plane in zwei, spätestens drei Jahren einen nächsten Trip mit Molly zu unternehmen. Der Start wird wohl wieder vor der Haustüre in der Schweiz sein. Ideen, wohin mich mein nächstes Abenteuer führen sollte, gibt es viele…

Weiterführende Links und Buchtipps zu Christian Zimmermann

So ihr lieben … das war ein kleiner Einblick in die Welt von Christian Zimmermann. Eine echt spannende Geschichte mit einem interessanten Mitglied unserer Community. Ich hoffe es hat euch gefallen. Es wird bestimmt nicht die letzte verrückte Tour des „Trolley Man“ gewesen sein.

Falls ihr noch mehr über Christian und seine Abenteuer erfahren möchtet, gibt es hier noch ein paar weiterführende Links und Buchtipps :-).

Webseite: www.global-av.ch
Facebook: Die Weltdentdecker Andreas und Christian Zimmermann oder Christian Zimmermann

TransAustralia: 3059 Kilometer zu Fuß mit dem Einkaufswagen durch Down Under

Autor: Christian Zimmermann
Es hört sich fast unglaublich an, was der Fotograf Christian Zimmermann auf seiner 4-monatigen Reise alles erlebt hat. Fest entschlossen, den roten Kontinent zu Fuss zu durchqueren, macht er sich im Frühling 2016 nach Australien auf. Im Gepäck hat er nur seine Camping- und Fotoausrüstung, sowie eine riesengrosse Abenteuerlust. Ohne Begleitfahrzeug will er die 3059 Kilometer von Darwin nach Adelaide ganz alleine zu Fuss meistern. Lange hat er sich überlegt, wie er das gesamte Equipment transportieren könnte, denn alles in einem Rucksack zu tragen wäre viel zu schwer! Die Lösung ist so simpel wie einfach: Ein Einkaufswagen!